Die Sehnsucht nach der Ganzheit in der Arbeit

von Iris Rommel

Wer kennt ihn inzwischen nicht, den Bestseller der New Work Bewegung „Reinventing Organizations“ von Frederic Laloux.
Auch ich war und bin fasziniert von dem utopischen Entwurf Laloux: So könnte Erwerbsarbeit auch aussehen.
Laloux evolutionäre Organisation sieht Unternehmen nicht als mechanistische Systeme mit dem Ziel, Kapital zu vermehren. Sondern als soziale Räume, die zum Ziel haben, nach außen wertvolle Beiträge für ihre Nutzer zu erbringen und nach innen Menschen ganzheitliche Entfaltungsmöglichkeiten zu schaffen.

Sehnsucht nach Ganzheit

Was bedeutet diese „Sehnsucht nach Ganzheit“, von der Laloux spricht?
Er benutzt den Begriff der „Getrenntheit“ im Gegensatz zur „Verbundenheit“, eine in allen spirituellen Schulen genutzte Unterscheidung, um zu beschreiben, worum es in der persönlichen Reifung geht. Laloux Beobachtungen und daraus abgeleitete Hypothese ist schlicht und klar: Menschen wollen sich auch in der Arbeit als verbundene Wesen erleben – nicht nur in ihrem Privatleben.

Die Aufspaltung in die private und professionelle Person, die uns so selbst-verständlich und so tief eingeübt ist, wird hinterfragt. Laloux bedient sich der Metapher der Maske, die wir gewohnt sind, im Arbeitsleben aufzusetzen, hinter der wir viele Aspekte unserer ganzen Person verbergen. Unsere Gefühle: Liebe, Mitgefühl, Ängste, tiefe Freude, Unvollkommenheiten, Scham, unsere Kreativität: Verrücktes, Chaotisches, Widersprüchliches. Und auch unsere Energie, die uns dann in erstaunlichem Maß zur Verfügung steht, wenn wir uns ganz eins fühlen mit dem, was wir tun.

Es gibt andere Konzepte über Arbeit, die ebenfalls diese volle Lebendigkeit beschreiben – ohne dabei Anleihen an spirituellen Schulen zu nehmen. (Ein Zugang, der mir bei Laloux zugegeben auch etwas schwer fällt.)

Der ungarische Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi spricht zum Beispiel vom „Flow“, dem Glücksgefühl, das wir erleben, wenn wir ganz in unserer Arbeit aufgehen. Und kommt zu dem Schluss, dass diese Glückserfahrung nicht allen ArbeitnehmerInnen beschieden sein kann, aber regt Arbeitgeber an, ein bisschen mehr davon in der Gestaltung der Rahmenbedingungen von Arbeit zu ermöglichen. Aber „Flow“ blieb ein elitäres Konzept für wenige Auserwählte.

Foto Bismarck Werfen wir einen historischen Blick zurück in die Anfänge industrialisierter Arbeit, wovon sich die New Work – Bewegung emanzipieren will. Karl Marx nutzte den Begriff der Entfremdung, um den Erfahrungsverlust zu beschreiben, der Menschen zum Be-Diener von Maschinen reduzierte. Dieser historische Paradigmenwechsel: der Mensch erlebt sich in der Arbeit nicht mehr als selbstwirksam, sondern als fremdbestimmt, steckt uns heute noch in den Knochen in unseren Glaubenssätzen über Arbeit. Und die preußischen Tugenden haben uns Deutschen noch eine Extra-Portion Bereitschaft, uns zu spalten, mitgegeben. „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“.

Es geht also bei dieser „Sehnsucht nach Ganzheit“ darum, uns selbst in der Arbeit nicht länger fremd zu sein, während der Erwerbsarbeit nicht andere zu sein, als die, die wir zuhause und im Freundeskreis sind.

 

Happy Working People

New Work hat daraus die „Happy Working People“ gemacht. Vornehmlich junge Leute, die erklären, an den gewohnten Ritualen der Spaltung in Beruf-und Privatleben nicht interessiert zu sein. Junge Leute, die – enttäuscht von bestehenden Unternehmen – lieber selbst Start-ups gründen, um sich und den MitarbeiterInnen andere Bedingungen in der Arbeitswelt zu schaffen. Oft wird Ganzheit dort ganz wörtlich genommen: Arbeitsplätze werden gestaltet, wo Familienangehörigen und Haustieren dabei sind und wo außerberufliche Leidenschaften und Talenten die Gemeinschaft bereichern. Wo Engpässe in der Betreuung kranker Kinder und mit dem Tourplan der Band, in der ich mitspiele, nicht heimlich und mit Ausreden gemanagt werden müssen.

Das finde ich alles großartig. Doch bisher hatte diese Bewegung der New-Work-Start ups für mich auch etwas extrem Verspieltes. Das hat mich irritiert – wahrscheinlich ganz einfach, weil die Mehrheit der ArbeitsnehmerInnen dort unter 30 ist – und ich doppelt so alt bin. Und immer “ happy“, relaxt und gut drauf zu sein aus meiner Lebenserfahrung ein vergänglicher Zustand ist.

Ich verstehe die „Sehnsucht nach Ganzheit“ als Suche nach einer Unternehmenskultur, die für alle Facetten unserer Person Platz hat. Nicht nur für die Sunny-Side. Glück und Unglück. Entspannung und Anspannung. Freude und Trauer. Harmonie und Aggression – kurzum: die Platz für unsere Menschlichkeit halt.

Meine Mutter ist vor wenigen Wochen gestorben. Der Verlust, die Trauer, die Absolutheit der Situation hat mich in einen inneren Ausnahmezustand katapultiert. Hellwach und tief erschöpft gleichzeitig. Intuitive Gehirnareale, auf die ich mich blind verlassen kann, wechselten sich mit Ausfällen im strukturierten, analytischen Denken ab. Ich funktioniere nicht wie gewohnt.

Ich war und bin umgeben von Kunden und KollegInnen, deren Verständnis sich nicht nur beschränkte auf die höflich-freundliche Akzeptanz meiner Terminabsagen. Sondern die ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Verlust der Eltern mit mir teilten, die viele Zeichen des Mitfühlens setzten und sich so mit mir und meiner Trauer verbunden haben. Und die es wagen, mit mir in diesem Zustand zu arbeiten.

Mich hier in meinen Arbeitsbeziehungen nicht hinter einer Maske verbergen zu müssen, macht mich zu einer „Happy working woman“.

Es zeigt mir, dass sich meine persönlichen Entscheidungen, nur mit und für Menschen zu arbeiten, mit denen ich mich wohl fühle, gelohnt haben, da ich dort „ganz“ sein kann in meiner Trauer.

Laloux hat Recht. Wir sollten alle die Selbstverständlichkeit genießen können, als Mensch unsere Menschlichkeit an unsere Arbeitsplätze mitbringen zu können.

 

Was ist zu tun?

Was heißt das für unsere Unternehmen und Organisationen? Was heißt das für die Personalarbeit? Wenn wir die Sehnsucht nach Ganzheit ernst nehmen als Leitidee für unsere Unternehmensentwicklung, werden wir im ersten Schritt nachspüren müssen, welche Rituale, die sich als Tools manifestiert haben, unserer Menschlichkeit zuwider sind.

Zu viel Vermessen von Menschen und zu viel Mathematik in der Personalarbeit
Rund um die Prozesse der Leistungsbeurteilung sind zum Beispiel viele Auswüchse entstanden: Mitarbeitergespräche mit umfangreiche Kompetenzlisten, die Idealprofile vorgeben, an denen sich unsere Entwicklung auszurichten hat. Verheiratet mit komplizierten Formeln der Balanced Scorecard um die Leistungsbewertung „gerecht“ zu gestalten. Hier wird es darum gehen, Bürokratien, die sich verselbstständigt haben, zu entrümpeln.

Zu viel Hetze – zu viel Verdichtung von Arbeit
Die Sehnsucht nach Ganzheit ist ein qualitatives Konzept. Menschlichkeit braucht Räume! Arbeitsplanungen ohne Pufferzeiten, 120% Auslastungen, die Stories, warum diese Zeit-Opfer jetzt mal wieder nötig sind, machen alle echten Experimente zunichte, menschlicher Ganzheit in Unternehmen Raum zu schaffen. Und umgekehrt, Unter-nehmen, die den Mut haben, der kapitalistischen Turbologik zu widerstehen und Zeit-Räume für Muse, Lernen, und spontane Initiativen schaffen, müssen gar nicht mehr so viel tun. Sie können staunend beobachten, was alles so entsteht, wenn die Kreativität von Menschen willkommen ist im Unternehmen.

Zu wenig Mut zu ehrlicher Auseinandersetzung
Der Gehalt von utopischen Konzepten zeigt sich, wenn sie auf die Rüttelstrecke der Realität getestet werden.

In der Sehnsucht nach Ganzheit steckt das Potenzial zur Verantwortung, das jedem Menschen zugeschrieben wird. Jeder Mensch übernimmt Verantwortung für sein Handeln. Selbstorganisation und Vertrauenskultur setzt Selbstverantwortung voraus. Nur so funktionieren New-Work-Unternehmen.

Sich in diese volle Selbstverantwortung hinein zu entwickeln, wird vor allem für die Menschen eine Herausforderung sein, die lange gewohnt waren, anders zu arbeiten.

Unternehmen, die sich aus einer stark hierarchischen Kultur herausentwickeln wollen, werden Geduld, Konsequenz und Ehrlichkeit brauchen, sich immer wieder selbst kritisch und verständnisvoll in ihrem Umlernen zu betrachten.

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