Älter werden
Warum es mit Fitnessprogramm und Ernährungsumstellung nicht getan ist
von Iris Rommel

Heute erlaube ich mir, einen Newsletter zu schreiben, der vielleicht nur für einige von Ihnen interessant ist, liebe Leserinnen und Leser, nämlich für die, die Jahrgang 1970 und älter sind.
Die 50 rückt näher – und mit der 5 kommen neue Phänomene in Ihr Leben.
Die Wehwehchen beginnen, Gleichaltrige reden auf einmal von Lebensplanungen bis zur und nach der Rente und die neuen KollegInnen (und vielleicht auch Vorgesetzen) könnten Ihre Kinder sein.
Aber nicht nur äußerliche und körperliche Veränderungen werden Ihnen begegnen. Für einige viel verwunderlicher sind die inneren Veränderungen, die mit diesem Lebensalter einhergehen.

Was bedeutet Altern?

Während die Pubertät, das Heranwachsen vom Kind zum Erwachsenen uns allen als große Transformation präsent ist, sieht es mit der zweiten großen Transformationsaufgabe in einem Menschenleben anders aus: Wir wissen noch wenig über die Prozesse des Alterns. Sicher, inzwischen sind alle Zeitschriften voll mit Tipps, wie wir gesund altern können. Wir leben in einem Zeitalter großer Dynamik und eingebunden in der westlichen Kultur. Beide Dimensionen teilen ein großes Faible für bewegte und aktive Lebensentwürfe.

Foto Ältere Frau macht SpagatUnd dementsprechend sollen wir Laufen und Radfahren, das Gehirn trainieren und für gute soziale Kontakte sorgen, um nicht einzurosten oder dement und depressiv zu werden, wenn wir denn die gesegneten 80 erreichen sollten. Da schimmert die Idee durch: ein gutes Alter bedeutet, solange wie möglich weiter machen zu können wie bisher. Diese Tipps sind sicher alle sehr löblich, aber meiner Meinung nach fassen diese Ratgeber zu kurz.

Wir können Radfahren, so viel wir wollen, es geht beim Älterwerden nicht darum, so weiter zu machen wie bisher, sondern in der zweiten Lebenshälfte geht es um Entschiedenheit, mit der verbleibenden Zeit gut umzugehen und um die Kunst, Abschied zu nehmen.

Identität mit 50

Mit 50 sind viele Dinge „gelaufen“. Wer bisher beruflich im Mittelfeld geblieben war, wird keine Top- Karriere mehr in unseren konservativen Unternehmen machen. Frauen, die bisher keine Kinder geboren haben, werden keine Kinder mehr bekommen. (Ich denke, die extremen Stories von 60 plus-Müttern dank Reproduktionstechnologie darf ich hier vernachlässigen.)

Mit 50 haben wir Vorlieben ausgebildet, die wir erhalten möchten. Wir haben Fähigkeiten eingeübt, die wir besonders gut können. Unsere Schwächen sind uns vertraut, da sie uns schon lange begleiten, ärgern, herausfordern. Wir sind die, die wir in 20-30 Jahren Erwachsenenleben geworden sind und wir meinen, uns zu kennen.

Transformation zweite Lebenshälfte

Und dann wird doch alles noch einmal anders – das muss nicht immer eine ausgewachsene, dramatische, Midlife-Crisis sein, wie mich manche SeminarteilnehmerInnen an dieser Stelle ängstlich fragen. Nein, nicht alle Menschen müssen sich von ihren PartnerInnen trennen, neue Familien gründen und aus ihrem Beruf aussteigen, nur weil sie 50 werden.

Vielleicht erleben Sie den Übergang in ein anderes Lebensalter viel leiser und vielleicht laufen Sie sogar Gefahr, ihn zu verpassen, ihn zu übersehen, wenn Sie nicht Zeit und Raum schaffen, um ihn wahrzunehmen.

Palmen, Meer, HängematteWoran erkennen Sie also die „Symptome“, die Sie getrost wertschätzend als Wachstumsschmerzen interpretieren könnten?

Sie erkennen sich vielleicht manchmal nicht wieder, weil Sie auf Bedürfnisse stoßen, die Ihnen neu sind und die vielleicht auch nicht zu Ihrem Selbstbild passen.

Die aktiven MacherInnen sehnen sich nach Rückzug, die AnalytikerInnen möchten kreativ sein und eine Unruhe „Wann, wenn nicht jetzt“ liegt in der Luft.

Was wir jetzt nicht für unsere ungelebten Träume und Sehnsüchte tun, wird nie passieren. Jetzt an die Orte reisen, die wir auf jeden Fall noch sehen wollen.

Wer sich schwer tut mit dem Zugang zu den eigenen Sehnsüchten, kämpft eher mit Überdruss, Langeweile, Sinnentleertheit und resignativen Fragen wie „War denn das schon alles?“ Die Freude an dem bisher Geschaffenen wird überdeckt von diffuser Unlust.

Wie auch immer sich die Emotionen äußern, wir sind jedenfalls in Kontakt mit der vergehenden Zeit. Leben ist nicht mehr unendlich, wenn die zweite Hälfte eingeläutet ist.

Grenzerfahrungen und Abschiede

Wen wir nicht bitter werden wollen im Alter, ist das Abschied nehmen die neue Disziplin, die es zu üben gilt. Darauf sind wir im Westen nicht trainiert. Wer eigentlich seines Glückes Schmied ist und gelernt hat, mit Selbstmanagementtechniken für seine Bedürfnisse und seinen Erfolg zu sorgen, muss erst einmal langsam beschnuppern, wie loslassen gehen kann.

Moderne Alternsforschung sieht Altern nicht defizitär, sondern betrachtet Altern als eine Verschiebung der Kompetenzen. So ressourcenorientiert sollten Sie ebenfalls an Ihre ganz persönliche Abschiedsübung herangehen. Jedes „Was geht nicht mehr?“ sollten Sie ergänzen mit einem „Was geht immer noch?“ und einem „Was geht jetzt besser als früher?“ Das Leben wird anders, aber es ist noch lange nicht vorbei.

Die Lebenstreppe

Bild Lebenstreppe

Sinn und Nachhaltigkeit

Der aktuelle Modebegriff der Nachhaltigkeit passt eigentlich sehr gut, um die inneren Werteverschiebungen zu veranschaulichen, die viele von uns mit dem Älterwerden erleben. Sicher ist es gut, sich zu fragen, was ich mir für die zweite Lebenshälfte wünsche – aber vielleicht haben Sie auch bemerkt, dass die Wünsche für die zweite Lebenshälfte nicht mehr nur auf uns selbst bezogen sind, sondern in den Wünschen schon die uns Nachfolgenden Platz nehmen. Wir haben das Bedürfnis zu geben. Weitergeben, zurückgeben – entweder ganz konkret in Form der Unterstützung der nächsten Generation oder etwas unspezifischer als Beitrag für „die Welt“. Je kürzer die Zeit wird, umso dringlicher ist uns das Bedürfnis, dass wir unsere Lebens-Zeit als sinnstiftend erleben.

Sehnsucht nach Natur

Beim Beforschen der Bedürfnisse für die zweite Lebenshälfte beeindruckt es mich immer wieder festzustellen, dass wir –trotz unserer individualisierten und ausdifferenzierten persönlichen Lebensmuster – als „moderne“ Menschen etwas archaisch-Kollektives teilen. Das ist die wachsende Sehnsucht, Zeit in der Natur zu verbringen.

Wir möchten den Wechsel der Jahreszeiten nicht verpassen, wir fangen an, Tiere bewusster zu beobachten und fürchten uns nicht mehr vor der Stille der Natur. Die Zeit vergeht langsamer in der Natur. Diese Entschleunigungsphänomene sind wertvoll, wenn Zeit weniger wird.

Entdeckung der Spiritualität

Als Jugendliche suchen wir unseren Weg in die Welt hinein. als Ältere wissen wir, dass wir den Weg aus der Welt hinausgehen.

Weg durchs MoorIn meiner Heimat gab es eine Redensart: „Im Alter werden sie fromm“, die das Bedürfnis nach Spiritualität in der zweiten Lebenshälfte treffend und trocken beschreibt.

Auch wenn wir heute dieses Frommwerden – vor allem bei uns im Norden, wo christliche Kirche und ihre Präsenz in der Gesellschaft schwächer wird – nicht unbedingt als Hinwendung zur Religion leben, bemerken wir, dass unsere Seele umsorgt werden will. Wir suchen nach Räumen und GesprächspartnerInnen für diese neue Perspektive auf die Welt, wo wir nicht mehr kämpfen müssen, um unseren Platz und Besitz in der Welt, sondern uns damit beschäftigen, wie wir den eingenommenen Platz und die angesammelte Materie wieder aufgeben können.

Schon beim Abschied aus der Erwerbstätigkeit erleben wir die Frage „Wer bin ich, wenn ich niemand mehr bin?“, die uns nochmal vom Kopf auf die Füße dreht. Unser Tagewerk können wir nicht länger mit dem Maß unserer Leistungsfähigkeit messen.

Noch grundsätzlicher wird die Perspektive des nahenden Sterbens die Frage stellen, ob wir als Vorbereitung auf das Altern nur unserer körperliche Spannkraft pflegen.

Was immer auch bei Ihnen ansteht, ob unerledigte Sehnsüchte nach Ihrem Mut verlangen, noch einmal die Sicherheitsleinen loszulassen und Neues zu wagen. Oder ob Sie sich ganz wohl fühlen mit der äußeren „Hardware“ Ihres Lebens und Sie auf die innere Entdeckungsreise gehen.

Ich wünsche Ihnen ein gutes Innehalten, um rechtzeitig herauszufinden, wie Sie diese kostbare zweite Lebenshälfte nutzen.

Herzlichst Ihre Iris Rommel

Buchtipps zum Thema

Das Leben ist ein langer Fluss – Über das Älterwerden, von Patricia Tudor-Sandahl

Jung im Kopf – Erstaunliche Einsichten der Gehirnforschung in das Älterwerden, von Martin Korte